VERSO-Interview mit Helienne Lindvall am 19.06.2020

Helienne ist Songwriterin und gehört dem Vorstand der englischen Songwriter Vereinigung (Ivors Academy) an, sie ist außerdem die Vorsitzende des Ivors Songwriter-Komitees und hat den Vorsitz bei den Ivors Novello Awards, einem großen Preis für Songwriter und Komponisten im Vereinigten Königreich. 
Das Interview wurde aus dem Englischen übersetzt.

VERSO: Liebe Hellienne, vor kurzem wurde in England die #keepmusicalive Kampagne ins Leben gerufen, Ivors ist maßgeblich daran beteiligt. Worum geht es?

Helienne: Im Kern geht es um die für viele Musiker nun einzig zur Verfügung stehende Grundversorgung: Das Streaming. Den Startschuss der Kampagne haben wir mit einer Petition an die Regierung gegeben. Dazu haben wir uns mit der Musikergewerkschaft im Vereinigten Königreich zusammengetan und angefangen, die nötigen Unterschriften zu sammeln. Die Petition fordert die britische Regierung auf, zu überprüfen, wie der Geldfluss im Streaming tatsächlich funktioniert. So können alle Beteiligten, auch die Plattformen und die großen Labels, rechtlich dazu verpflichtet werden, detailliert Auskunft zu geben – und dann haben wir alle gemeinsam die Chance eine Lösung finden. Begleitet haben wir die Petition mit einer aufklärenden Social-Media-Kampagne, um die zum Teil schwer nachvollziehbaren Gründe und Probleme der ausbleibenden Bezahlung der Urheber aufzuzeigen. So ist auch der Hashtag #FixStreaming entstanden. Streaming muß für alle funktionieren, nicht nur für die Streaming-Unternehmen oder die großen Labels. 

VERSO: Wie und wann seid Ihr im Detail gestartet?

Helienne: Im Mai hat die Kampagne Ihren Anfang genommen. Eines unserer Mitglieder im Songwriting-Komitee, Tom Gray von der Band Gomez, machte den ersten Schritt. Er twitterte über die Schieflage des Musik-Ökosystems und warum es so nicht funktionieren kann. Er fand die richtigen Worte, der Tweet verbreitete sich, als Hashtag wählte er #BrokenRecord. Dieser Hashtag hat dann mit dem Thema ein Eigenleben entwickelt. Dieses Interesse daran, wie sich die Pandemie auf das Einkommen von Musikschaffenden auswirkt, nutzten wir, um sicherzustellen, dass das ganze Bild zu Tage tritt. Denn natürlich sind nicht nur die Künstler betroffen, sondern auch wir Schreiber – und ebenso die Geschäfte, Restaurants, alle Clubs und Veranstalter. Das verschlimmert den Effekt für uns Urheber umso mehr – zwar werden wir das dieses Jahr noch nicht auf der PRS (ekvl. Gema) Abrechnung sehen. Aber bei der nächsten und übernächsten Zahlung werden wir einen massiven Einbruch der Einnahmen aus diesen Bereichen feststellen. Diese Vorhersehbarkeit macht klar: Wir müssen uns damit jetzt befassen.

VERSO: Du hast die aktuelle Corona Situation angesprochen – ist das der Hauptgrund für die Kampagne?

Helenen: Nein, es geht nicht allein um die Corona Krise. Das war nur der Auslöser, der uns dazu veranlasst hat, früher zu starten, als wir gedacht hätten. In Planung waren wir schon länger, aber plötzlich wurde es mit der Pandemie besonders dringend, weil ein so großer Teil der Einkommensinfrastruktur für Musiker von heute auf morgen einbrach. Corona war ein Grund, unsere Energien schneller und effektiver bündeln. 

VERSO: Wie sähe die Lösung des Problems in einer perfekten Welt für Euch aus?

Helienne: Wir schreiben keine Lösungen vor, weil wir bis jetzt zu wenig über die Vorgänge hinter den Kulissen wissen. Deshalb fordern wir ja die Überprüfung. Wir Songwriter und Komponisten haben keinen transparenten Einblick, wie mit unserer Musik Geschäfte gemacht werden. Fast alle relevanten Daten fallen unter Geheimhaltungsvereinbarungen. Wir wissen nicht, was die großen Labels im Voraus bezahlt bekommen, was sie wie berechnen, was tatsächlich nach Abzug der Kosten übrigbleibt. Welche Wege nimmt das Geld tatsächlich? Die Labels sagen, dass sie einen großen Teil an die Künstler verteilen, aber wir haben keine Möglichkeit, das zu überprüfen. Einzelne Künstler können Überprüfungen anstrengen, aber auch diese Erkenntnisse fallen unter Geheimhaltung, also sind die Zahlen nicht in der Breite erfassbar. Aber dennoch, auch ohne diese Informationen denken wir, dass es bestimmte Punkte im Streaming gibt, die angesprochen werden müssen. Erstens, natürlich, die Verteilung des Kuchens. 13 Prozent der Einnahmen werden derzeit an die Urheber verteilt. Und diese 13% müssen unter allen Autoren und Verlegern aufgeteilt werden. Und natürlich ist auch die Admin Fee für die PRS nicht zu vergessen. Das ist dann für die Urheber am Ende weniger als die Hälfte von dem, was der Streaming Dienst selbst pro Nutzer behält. Das ist unserer Meinung nach nicht fair. Wir halten stattdessen eine Viertelung für angemessen. 25% für jeden, die Plattform, das Label, die Verleger/Songwriter und die Performer. Dass das nah an einer realistischen Lösung ist, beweisen die unabhängigen Labels, die nicht selten 50/50 Deals mit Ihren Künstlern schließen. 

VERSO: Es ist interessant, in der Diskussion die Aufteilung zwischen Plattenfirma und Interpreten auf diese Art sichtbar zu trennen. Ein interessanter Ansatz, denn so geht es ja immerhin nicht darum, den Interpreten zugunsten von uns Schreibern etwas „weg“ zu nehmen. Welche Rolle spielen die Plattenfirmen derzeit in der Diskussion?

Helienne: Eine große. Den Major Labels geht es in mancherlei Hinsicht besser als in den 90gern, ihre Gewinnspannen sind besser denn je. Nicht zuletzt Sony hat das in einem Aktionärsgespräch im letzten Jahr hervorgehoben. Und das ist verständlich. Es müssen keine physischen Tonträger hergestellt werden, es muß keine entsprechende Auslieferung und Lagerung geben, es gibt keine Retouren. Diese Einsparungen haben aber nicht dazu geführt, dass sich ihr Anteil an den Einnahmen verändert hätte. Dazu kommt bei den großen Labels die Auswertung der Kataloge – ein großer Teil der Umsätze. Die dazugehörigen, alten Verträge beinhalten oft wahnsinnig niedrige Beteiligungen für die Künstler, bis zu 5%. Und Künstler müssen verstehen: Egal welche Prozent-Beteiligung eingeplant ist, 5 oder wie heute üblicher 20, sie bezahlen die Ausgaben selbst. Sie müssen also ihre Vorauszahlung sowie die Kosten für Videos, Aufnahmen usw. von ihrem 5-20%igen Anteil einspielen. Das bedeutet, dass die Labels bis zu zehn mal mehr Profit mit einer Veröffentlichung machen als die Künstler selbst – denn selbst wenn der Künstler noch nicht recouped hat, kommen die Labels früh in die Gewinnphase. Im Fazit übernehmen die Künstler also nicht nur einen bedeutenden Anteil des Investments, sondern auch entsprechende Teile des Risikos. Der entscheidende Unterschied: Die Mitarbeiter der Labels werden monatlich bezahlt – das schaffen wir Urheber nur, wenn unsere Musik derzeit absurd viel gestreamt wird, und selbst dann kratzen wir unter Umständen so gerade am Existenzminimum. 

VERSO: Welche konkreten Herausforderungen gibt es bei dieser Diskussion?

Helienne: Nun, ein großes Hindernis ist immer noch die vertikale Organisation der Musikindustrie, was bedeutet, dass die Konzerne der größten Plattenfirmen auch die größten Verlagshäuser besitzen. Sie profitieren also auf beiden Seiten. Allerdings: Ein Standard Plattenvertrag sieht eine grundsätzliche Aufteilung von 20% gegen 80% vor, zugunsten des Labels. Auf Verlagsseite ist es das genaue Gegenteil. Der Anreiz ist also klar: Wenn ein so aufgestellter Konzern in Verhandlungen mit Partnern wie digitalen Plattformen geht, wird er zuallererst probieren, den Anteil auf Labelseite hoch zu halten, auf Kosten des Verlagsanteils. Entsprechendes sehen wir in allen großen europäischen Märkten, Deutschland, England, Frankreich. Allein die unabhängigen Verlage sitzen mit uns in einem Boot. Dementsprechend unterstützend sind sie bei unseren Interessen. Tatsache ist und bleibt aber: Wir Urheber sind nun schon lange in einer verzweifelten Lage. Es gibt Vorstösse, wie zum Beispiel die VERSO Walk In Fee, in England sehen wir gerade das Konzept, dass 20% auf die Produktionsverträge aufgeschlagen werden, um dieses Geld unter den Schreibern zu verteilen. Aber das sind nur vorläufige und kleine Lösungen für ein großes Problem.

VERSO: Was sind die vorläufigen Ergebnisse, welche nächsten Schritte seht Ihr?

Helienne: Wir bekommen Aufmerksamkeit und Veröffentlichungen in allen großen Medien, Interviews in Radio und Fernsehen, dennoch stehen wir am Anfang. Wir haben jetzt etwa 15.000 Unterzeichner auf der Petition, ein Erfolg, doch wir möchten natürlich weiterhin wachsen. Doch wir sind realistisch. Unsere Regierung hat im Moment eine Menge zu bewältigen. Nicht nur mit dem Brexit, sondern auch mit der Pandemie. Es wird also keine kurzfristigen Lösungen geben, deshalb planen wir langfristig. Aber ein wichtiges Ziel unserer Bewegung ist es, das Gespräch mit den Unternehmen zu beginnen. Bis jetzt war es sehr schwierig die Streaming Firmen und Plattformen, z.B. auch Twitch oder Tik Tok, an einen Tisch mit uns bekommen – beide haben noch keine Lizenzregelungen mit uns Urhebern getroffen. Das möchten wir ändern. Derzeit hebeln diese Konzerne unsere Rechtssystem aus, faktisch profitieren die reichsten Menschen und Firmen der Welt unverhältnismäßig von unserer Arbeit. Es gilt also auch Leute, die nicht unbedingt Musikschaffende sind, zur Unterschrift der Petition zu bewegen. Denn mit ihr haben wir das rechtliche Werkzeug die Informationen zu erhalten, die wir brauchen – und gleichzeitig schulen und sensibilisieren wir die Hörer. Sie wissen, wenn Sie die Künstler, die sie gerne hören, unterstützen wollen, dann ist diese Kampagne der richtige Weg. 

VERSO: Was können andere Länder und andere Musikverbände tun, um Euren Aufruf zu unterstützen und zu helfen?

Helienne: Als erstes muß es darum gehen, die Aufmerksamkeit auf das Thema zu bekommen. Natürlich hilft es uns, den Hashtag #fixstreaming oder #brokenrecord weiter mit Leben zu füllen. Außerdem brauchen wir alle Arten von belastbaren Daten. Eine halbe Millionen Streams auf Spotify ergeben in Großbritannien z.B. für nur einen einzigen Tag den Mindestlohn für einen Urheber, 1,2 Millionen Klicks auf Youtube wären dafür nötig – diese Zahlen erklären jedem das Problem. Die Maßnahmen und Schritte bei Euch in Deutschland im Rahmen von VERSO und auch der #Fairshare Initiative haben einen großen Unterschied gemacht, auch bei uns. Die Partner sind an einen Tische gekommen. Wir dürfen die Zügel nun nicht locker lassen, wir müssen es schaffen, gemeinsam den Druck zu erhöhen, um mit den großen Partnern in den jeweiligen Märkten ins ernsthafte Gespräch zu kommen. Zur Zeit profitieren wenige von der Schieflage des Systems – und sie tun alles dafür, um das Thema von den wesentlichen Punkten weg zu lenken. Ich zitiere gerne Don Draper von der Serie „Madmen“: „If you don’t like what somebody is saying, change the conversation.“ Das ist die derzeitige Situation mit den Plattformen und den Labels. Das dürfen wir nicht zulassen. Und natürlich sind alle eingeladen die Petition zu unterschreiben, dazu muß man kein britischer Staatsbürger sein. Und: Das, was wir tun, ist das was alle brauchen – die Labels und die Plattformen. Wir sind nicht verpflichtet bei Major Firmen zu unterschreiben, und auch die Freigaben oder erlaubten Nutzungen können wir beeinflussen. Es ist nun wichtig international und national zusammenzuhalten, dann können wir viel bewegen.

VERSO: Vielen Dank für das spannende Gespräch.